Ibogain und Opioide: was Behandlungszentren berichten
Es ist zwei Uhr nachts. Du hast den Entzug im Krankenhaus hinter dir, vielleicht auch das Methadonprogramm, vielleicht Subutex. Und jetzt liest du über eine Wurzelrinde aus Westafrika und fragst dich, ob das etwas mit dem zu tun hat, was du nimmst.
Die ehrliche Antwort: Es kommt vor allem auf dein Opioid an, und auf dein Herz. Genau darum geht es in diesem Artikel.
Kurz vorab: Was Ibogain ist und was man weiss
Ibogain ist ein Alkaloid aus der Wurzelrinde des Iboga-Strauchs (Tabernanthe iboga). In einigen Ländern, zum Beispiel in Neuseeland, wird es in Behandlungszentren eingesetzt (Noller und andere 2018).
Zwei kleine Beobachtungsstudien aus solchen Zentren berichten von weniger Entzugsbeschwerden nach der Behandlung. Die eine begleitete 30 Menschen (Brown und Alper 2018), die andere 14, von denen nach zwölf Monaten noch 8 vollständig befragt werden konnten (Noller und andere 2018). Kontrollierte Studien fehlen.
In Deutschland und Österreich ist Ibogain kein zugelassenes Arzneimittel. Alles hier beschreibt, was Studien und Fachleute berichten. Es ist keine Empfehlung und kein Versprechen für deinen Fall.
Die wichtigste Regel: Die Wirkdauer entscheidet
Opioide unterscheiden sich vor allem darin, wie lange sie im Körper bleiben. Kurz wirksame Opioide sind nach Stunden abgebaut, lang wirksame bleiben tagelang. Die Leitlinie der Global Ibogaine Therapy Alliance (2016) behandelt beide Gruppen deshalb sehr unterschiedlich.
Kurz wirksame Opioide
Dazu gehören Heroin, Morphin und Oxycodon. In der Studie von Brown und Alper nahmen die meisten Teilnehmenden Oxycodon, Heroin oder beides. Die Leitlinie beschreibt, dass Zentren Menschen vor der Behandlung mit einem kurz wirksamen Opioid stabilisieren, vorzugsweise Morphin.
Methadon: das grösste Risiko
Methadon bleibt sehr lange im Körper. Die Leitlinie weist darauf hin, dass hohe Methadon-Dosen die Reizleitung im Herzen verändern können (verlängertes QT-Intervall). Ibogain tut das ebenfalls. Beides zusammen ist gefährlich.
Behandlungszentren berichten deshalb, dass Methadon vorher über Tage bis Wochen ärztlich auf ein kurz wirksames Opioid umgestellt wird. Eine Umstellung ohne Ärztin oder Arzt ist gefährlich.
Buprenorphin (Subutex, Suboxone)
Auch Buprenorphin wirkt lange. Die Leitlinie beschreibt ebenfalls eine ärztliche Umstellung auf ein kurz wirksames Opioid vor der Behandlung, die mehrere Wochen dauern kann.
Tramadol, Fentanyl, Kratom
Zu diesen Mitteln macht die Leitlinie keine eigenen Angaben. Deshalb schreibe ich hier auch keine. Nimmst du eines davon, ist das eine Frage für deine Ärztin oder deinen Arzt.
Die Übersicht
| Opioid | Was die Leitlinie der Global Ibogaine Therapy Alliance beschreibt |
|---|---|
| Heroin, Morphin, Oxycodon | Stabilisierung mit einem kurz wirksamen Opioid, vorzugsweise Morphin |
| Methadon | ärztliche Umstellung vorher, Risiko für den Herzrhythmus |
| Buprenorphin (Subutex, Suboxone) | ärztliche Umstellung vorher, kann mehrere Wochen dauern |
| Tramadol, Fentanyl, Kratom | keine eigenen Angaben |
Was für jedes Opioid gilt: dein Herz zuerst
Ibogain kann den Herzrhythmus verändern. Von 1990 bis 2008 sind ausserhalb Afrikas 19 Menschen in den Stunden nach der Einnahme gestorben (Alper und andere 2012). In 12 von 14 gut dokumentierten Fällen erklärten Vorerkrankungen, meist des Herzens, oder weitere Drogen den Tod ganz oder teilweise. Ob Ibogain allein jemals die Ursache war, ist nicht geklärt.
Die Leitlinie nennt deshalb unter anderem als Voraussetzung vor jeder Behandlung:
- ein Ruhe-EKG. Ein verlängertes QT-Intervall schliesst eine Behandlung aus.
- Blutwerte, unter anderem Leber, Kalium und Magnesium
- eine vollständige Liste aller Medikamente, Drogen, Nahrungsergänzungsmittel und Kräuter
Ibogain allein und ohne ärztliche Überwachung einzunehmen, kann tödlich sein.
Und noch etwas, das Leben rettet: Nach einem Entzug verträgt dein Körper viel weniger Opioide als vorher. Die Leitlinie weist ausserdem darauf hin, dass Ibogain die Empfindlichkeit für Opioide erhöht. Wer danach die alte Menge nimmt, riskiert eine tödliche Überdosis.
Nach dem Entzug fängt die eigentliche Arbeit an
Kein Entzug ändert allein ein Leben, egal auf welchem Weg. Nachsorge, ein stabiles Umfeld und Begleitung entscheiden mit, wie es danach weitergeht.
Wenn du aus einem Opioid aussteigen willst, sprich zuerst mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder einer Suchtberatungsstelle in deiner Nähe. Setz kein verschriebenes Medikament eigenmächtig ab.
Della
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Im Notfall: 144 (Österreich), 112 (Deutschland).
Quellen
- Brown, T. K., Alper, K. (2018): Treatment of opioid use disorder with ibogaine: detoxification and drug use outcomes. The American Journal of Drug and Alcohol Abuse, 44(1), 24 bis 36. https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00952990.2017.1320802
- Noller, G. E., Frampton, C. M., Yazar-Klosinski, B. (2018): Ibogaine treatment outcomes for opioid dependence from a twelve-month follow-up observational study. The American Journal of Drug and Alcohol Abuse, 44(1), 37 bis 46. https://doi.org/10.1080/00952990.2017.1310218
- Global Ibogaine Therapy Alliance (2016): Clinical Guidelines for Ibogaine-Assisted Detoxification, Version 1.1. https://ibogaineguidelines.com/
- Alper, K. R., Stajić, M., Gill, J. R. (2012): Fatalities temporally associated with the ingestion of ibogaine. Journal of Forensic Sciences, 57(2). https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22268458/
